Dekubitus – Risikofaktoren erkennen und verringern

Ein Druckgeschwür kann schwerwiegende Folgen für Erkrankte haben. Eine bewusste Dekubitusprophylaxe ist daher äußerst wichtig. Dabei gibt es definierte Risikofaktoren, auf die Pflegende achten sollten.

Die Risikofaktoren, einen Dekubitus zu entwickeln, sind vielfältig. Intrinsische Faktoren – also Faktoren, die mit dem gefährdeten Menschen selbst zusammenhängen – müssen ebenso beachtet werden wie extrinsische (von außen beeinflussbare) Faktoren.

Das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) hat 2004 erstmals einen „Expertenstandard zur Dekubitusprophylaxe“ herausgegeben. Seit 2017 liegt eine zweite aktualisierte Fassung vor. International anerkannt ist zudem die gemeinsame Leitlinie „Prävention und Behandlung von Dekubitus“ des European Pressure Ulcer Advisory Panel (EPUAP), des National Pressure Injury Advisory Panel (NPIAP) und der Pan Pacific Pressure Injury Alliance (PPPIA). Beide zeigen die Faktoren auf, die einen Einfluss auf die Entstehung eines Dekubitus haben können.

Intrinsische Risikofaktoren

Der Expertenstandard und die Internationale Dekubitusleitlinie zählen mehr als 100 intrinsische Dekubitus-Risikofaktoren auf. Dazu gehören folgende drei direkt kausal wirkende:

  • Eingeschränkte Bewegung, geringe körperliche Aktivität: Sie stellt den wichtigsten Risikofaktor für die Entstehung eines Druckgeschwürs dar. Die gefährdeten Personen sind häufig nicht in der Lage, im Liegen oder Sitzen selbstständig ihre Position zu ändern.
  • Beeinträchtigter Hautzustand: Feuchtigkeit, Inkontinenz, Pergamenthaut bei Behandlung mit Kortison, unzureichende Pflege der Haut im Alter oder andere Hautschäden können das Risiko eines Druckgeschwürs erhöhen.
  • Minderdurchblutung: Durchblutungsstörungen (etwa aufgrund verengter Blutgefäße) erhöhen die Anfälligkeit der betroffenen Hautstellen.

Weitere wichtige intrinsische Faktoren sind beispielsweise:

  • Hohes Alter: Ein höheres Lebensalter bringt (neben eingeschränkter Mobilität) häufig weitere Risikofaktoren mit sich, z.B. eine größere Verletzlichkeit der Haut oder auch einen schlechteren Allgemein- und Ernährungszustand.
  • Weitere Erkrankungen wie etwa Arthrose, Rheuma, Herzschwäche, Diabetes mellitus oder auch Neuropathien – diese können zu einem verminderten Schmerzempfinden führen – sowie ein Schlaganfall (kann Sensibilitätsstörungen/Lähmungen hervorrufen) können das Dekubitusrisiko ebenfalls erhöhen.
  • Flüssigkeitsmangel/Austrocknung: Eine Dehydration lässt einerseits die Haut austrocknen und anfälliger für Verletzungen werden und kann andererseits zu einem schlechteren geistigen Zustand führen.
  • Starkes Übergewicht (Adipositas) oder Untergewicht (Kachexie): Ein zu hohes Gewicht führt zu hohem Druck auf den gefährdeten Körperstellen. Bei untergewichtigen Menschen hingegen fehlt aufgrund eines schlechten Ernährungszustandes oftmals die über den Knochen liegende, schützende Fettschicht. Zudem geht Untergewicht häufig mit Bewegungsmangel und schlechterer Wundheilung einher.
  • Infekte: Sie können die körpereigene Abwehr herabsetzen und den Patienten zusätzlich schwächen. Ein fiebriger Infekt führt zu erhöhter Hautfeuchtigkeit, die wiederum einen Dekubitus begünstigt.

Zu den extrinsischen Dekubitus-Risikofaktoren gehören unter anderem folgende:

  • Lagerung: Es gibt Lagerungen, die ein Druckgeschwür begünstigen, z.B. die 90-Grad-Seitenlagerung: In dieser Position ist das Dekubitusrisiko für die Auflagepunkte Ohr, Schulter, Rippen, Ellenbogen, Trochanter und seitliche Knöchel deutlich erhöht. Auch das andauernde Liegen auf dem Rücken erhöht das Dekubitusrisiko, vor allem am Hinterhauptknochen, am Gesäß, über dem Steißbein und an den Fersen.
  • Hebe- und Lagerungstechniken/Scherkräfte: Falsche oder falsch angewandte Hebe- und Lagerungstechniken können die Haut des Patienten reißen lassen und verletzen. Auch unzureichend druckverteilende Hilfsmittel für die Positionierung können hierbei eine Gefahr darstellen.
  • Medikamente: Sedierende Medikamente potenzieren das Problem der Bewegungseinschränkung. Schmerzmittel können dazu führen, dass Patienten Druckschmerzen nicht mehr wahrnehmen und entsprechend (mit Bewegung) reagieren.
  • Verbände: Zu fest oder schlecht sitzende Verbände oder Fixierungen erschweren die reguläre Durchblutung und erhöhen dadurch das Dekubitus-Risiko.
  • Sonden/Katheter: Sonden können, wenn sie immer an der gleichen Stelle auf den Körper drücken, massive Schäden hervorrufen – im schlechtesten Fall innere Defekte, die erst spät erkannt werden.
  • Harte Auflageflächen: Längeres Liegen auf harten OP-Tischen, Tragen oder Behandlungsliegen kann bei Risikopatienten nach kürzester Zeit das Gewebe schädigen. Auch zu harte Stühle und zu harte Matratzen gehören zu den Dekubitus-Risikofaktoren.

Pflege-Assessment: So lässt sich das Dekubitusrisiko fachlich bewerten

Um der Entstehung von Druckgeschwüren bei pflegebedürftigen Patienten gezielt vorzubeugen, ist es notwendig, deren Dekubitusrisiko einzuschätzen. Hierfür stehen Assessment-Instrumente wie z.B. standardisierte Risikoskalen zur Verfügung. Weiterlesen

Primäre und sekundäre Risikofaktoren

Die meisten der vorher genannten Faktoren beziehen sich auf das größte Risiko, den Druck auf das Gewebe. Weitere Risiken können auf andere Art die Entstehung eines Dekubitus begünstigen. Um die Gefährdung richtig einzuschätzen, unterteilt man sie in primäre und sekundäre Risikofaktoren.

Primäre Risikofaktoren mindern die Motilität und Mobilität des Patienten. Das führt häufig dazu, dass die druckentlastenden Bewegungen fehlen und sich die Druckeinwirkungszeit auf bestimmte Körperstellen verlängert.

Sekundäre Risikofaktoren setzen die Gewebetoleranz herab, also die Fähigkeit der Haut und des Unterhautfettgewebes, den Auflagedruck, der beim Liegen oder Sitzen wirkt, ohne Schädigung zu überstehen. Dazu gehören Krankheitsbilder, die die Funktionsfähigkeit und Widerstandskraft der Haut beeinträchtigen, etwa Fieber, Infektionen, Mangelernährung, verschiedene Hautkrankheiten, trockene und rissige Altershaut oder durch Inkontinenz aufgeweichte Haut.

Dekubitusrisiko mit pflegerischen Maßnahmen mindern

Die richtige Pflege-Routine kann die meisten dieser Risikofaktoren entschärfen. Folgende einfache Maßnahmen zur Dekubitusprophylaxe sollten zum Standard gehören:

  • Regelmäßige Bewegungsförderung kann den körperlichen und mentalen Alterungsprozess verlangsamen.
  • Die richtige Positionierung des Patienten, angepasst an seinen Allgemeinzustand und seine individuellen Belange
  • Druckentlastung der betroffenen Stellen
  • Auswahl einer geeigneten Matratze (eine Standardklinikmatratze oder eine Pflegematratze sind meist nicht geeignet)
  • Die gesamte Haut täglich kontrollieren
  • Die Haut mit parfümfreien und nicht-austrocknenden Mitteln reinigen und trockene Haut mit Wasser-in-Öl-Emulsionen pflegen
  • Die Patienten sollten atmungsaktive und nicht-einschnürende Kleidung tragen.
  • Inkontinenzmaterialien frühzeitig wechseln
  • Auf ausgewogene Ernährung und ausreichende Flüssigkeitsversorgung achten

Zudem soll jeder Patient so gut wie möglich mobilisiert und in seiner Bewegung gefördert werden. Betroffene, die nicht oder kaum laufen können, sollten zumindest mit einem geeigneten Hilfsmittel (z.B. Schampi-Kissen) regelmäßig an die Bettkante mobilisiert werden. Immobile Patienten müssen in bestimmten Intervallen umgebettet/positioniert werden. Dabei können druckentlastende Hilfsmittel wie Wechseldruckmatratzen, Weichlagerungsmatratzen oder Lagerungssysteme helfen, die z.B. die automatisierte 30°-Lagerung umzusetzen. Die Hilfsmittel sollten jedoch immer an die individuellen Belange und Wünsche des Patienten angepasst werden.

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Positionierungswechsel senken Dekubitusrisiko: Dieser Film informiert über die einzelnen Schritte hin zur Seitenlagerung. Zur Umsetzung kann – wie hier gezeigt – eine Lagerungsschlange dienen.

Die Abstände zwischen den geförderten bzw. unterstützten Bewegungen und den Positionsveränderungen zur Druckentlastung sind laut „Expertenstandard zur Dekubitusprophylaxe“ abhängig vom individuellen Risiko des Betroffenen (dazu gehören die Fähigkeit der Eigenbewegung und weitere Erkrankungen) und den therapeutischen und pflegerischen Zielen. Die optimale Mobilisation und Positionierung muss also für jeden Patienten individuell angepasst werden.

Weitere Infos für Auszubildende: www.thieme.de/icare
Weitere Infos für Pflegepädagogen: www.thieme.de/pflegepaedagogik